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Wie leben Ausländer in Deutschland? Erfahrungen von Francesco - ein Italiener in Hamburg

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Hallo, wer bist du, stellst du dich kurz vor?

Hallo, ich heiße Francesco Rodà, bin 29 Jahre alt und komme aus Rom - dort jedenfalls habe ich die letzten zehn Jahre gelebt. Eigentlich bin ich aus einem kleinen Dorf namens "Bianco" in Kalabrien, welches am ionischen Meer liegt.

Wie lange lebst du schon in Deutschland und was hat dich hierher verschlagen?

Ich lebe seit Februar 2014 in Hamburg - gekommen bin ich, um Arbeit zu finden. Hamburg habe ich deshalb gewählt, weil ein enger Freund von mir einige Monate vorher aus London dorthin gezogen ist. Die ersten anderthalb Monate fand ich auch bei ihm und seiner philippinischen Verlobten Unterschlupf. Und Deutschland kam eigentlich deshalb für mich in Frage, weil es nicht so weit weg von Italien ist. Eigentlich wäre ich gern nach Australien gegangen aber meine Mutter ist krank und verwitwet und eine solche Entfernung wollte ich ihr nicht antun.

Was hast du vorher gemacht?

In Rom habe ich an der Universität La Sapienza Kunstwissenschaften studiert. Das Studium habe ich aber nie abgeschlossen, weil ich Geld verdienen musste. Also habe ich einen Kurs in Informatik belegt und erst als Junior Web Designer, später für drei Jahre bei HP und im Customer Service bei der Telecom Italia mobile gearbeitet. Im Januar 2014 habe ich dann meine Arbeit verloren - insgesamt mussten 19 Angestellte das Unternehmen verlassen. Auf eine Abfindung warten wir leider bis heute.

Was machst du jetzt?

In Hamburg habe quasi sofort eine Arbeit als Barmann und Kellner in einem italienischen Lokal gefunden - im Moment arbeite ich in einem Kiosk am Sportzentrum des S.c. Hamburg Victoria.

Willst du irgendwann nach Rom zurückkehren?

Ja schon, das wäre schön, eines Tages zurück zu kehren. Aber es müsste ein besseres Italien sein, eines, in dem man Arbeit findet. Arbeit, die so bezahlt wird, dass man davon auch leben kann. Leider ist die Situation in Italien im Moment desaströs - jedenfalls meiner Ansicht nach.

Welche Erfahrung hast du in Hamburg gemacht?

In Hamburg habe ich viele verschiedene Erfahrungen gemacht, was die deutsche Kultur anbelangt, aber auch was die Arbeit betrifft: Hamburg als Stadt ist wirklich schön und hat für Touristen, aber auch die Einwohner, viel zu bieten. Positiv ist mir zunächst der öffentliche Nahverkehr aufgefallen. Ganz im Gegenteil zu Rom, funktioniert er nämlich. Und komplett neu für mich war das deutsche Pfandsystem: Flaschen aus Plastik oder Glas bringt man zurück in den Supermarkt, man wirft sie nicht einfach weg! Die Lebenshaltungskosten in Hamburg zählen zwar mit zu den höchsten in Deutschland - dennoch sind sie etwas niedriger als in vielen italienischen Städten - die Miete, der Einkauf oder der Restaurantbesuch kosten definitiv weniger, als in Rom, Mailand oder Bologna. Und insgesamt gesehen habe ich eine gute soziale Struktur und ein sehr soziales Verhalten erlebt - auch wenn die Menschen im Norden Deutschlands ja eigentlich als ziemlich kalt und unnahbar gelten.

Was die Arbeit anbelangt, war vieles erstmal neu. So habe ich vorher zum Beispiel keinerlei Erfahrungen im Gastronomiebereich gehabt, ein paar wenige sporadische "Ausrutscher" mal ausgenommen. Und als ich kam, habe ich so gut wie kein deutsch gesprochen und musste mich mit englisch durchschlagen. Jetzt, nach zehn Monaten, spreche ich es schon viel besser - dank meiner Arbeit, denn einen Deutschkurs habe ich nie belegt! Aber ich muss zugeben, dass es eine sehr schwierige Sprache ist, mit vielen Regeln und ebenso vielen Ausnahmen. Es ist also, auch wenn man sprachlich sehr begabt ist, ratsam, einen Kurs zu besuchen, um wirklich korrekt und flüssig sprechen zu lernen.

Ich habe hier sehr viele Italiener kennengelernt, die sich vorgemacht haben, sie könnten es schaffen hier zu leben und zu arbeiten, ohne die Sprache zu lernen. Manche von ihnen sprechen noch nicht einmal englisch! Und diese Leute werden dann bitter enttäuscht, denn sie finden allerhöchstens schlecht bezahlte Jobs als Küchenhilfe.

Und zudem ist es überaus schwer eine Wohnung zu finden, wenn man die deutsche Sprache nicht spricht. Viele Ausländer helfen sich erstmal mit Zimmern in einem Hostel aus, auch über lange Zeit hinweg. Dabei braucht man doch ein wirkliches Zuhause, wenn man sich eine Zukunft aufbauen will! Aber für einen festen Wohnsitz, den man auch polizeilich anmeldet, braucht man Deutschkenntnisse. Und auch wenn man einen Arbeits- oder Wohnungsvertrag unterschreiben will, sollte man doch verstehen was darin steht.

Ich denke, dass ich sehr viel Glück gehabt habe - weil ich fast sofort eine Wohnung und eine Arbeit gefunden habe. Und auch mit meinen Arbeitgebern hatte ich sehr viel Glück - sie habe geholfen, wo sie konnten.

Excite-Serie: Leben und Arbeiten in Deutschland - Erfahrungsberichte von Ausländern

Welche Rat gibst du anderen mif auf den Weg?

Mein Rat an alle, die sich dafür entscheiden ins Ausland zu gehen ist: Es handelt sich um ein anderes Land, mit einer anderen Mentalität, einer anderen Kultur und einer anderen Lebensart - und als Ausländer sollte man sich daran anpassen! Ich sehe hier viele, die sich darüber beschweren, dass die Deutschen anders leben oder auch andere Dinge essen. Dabei wissen sie doch, dass sie in Deutschland und nicht in ihrem Heimatland sind. Und was die Küche anbelangt: Hier gibt es viel Auswahl und etwas für alle Geschmäcker.

Der zweite Punkt ist die Sprache: Wer nach Deutschland auswandern will, sollte vorher unbedingt Sprachkenntnisse erwerben. Deutsch zu sprechen ist die absolute Vorraussetzung dafür, sich hier eine Zukunft aufzubauen. Und auch wenn es am Anfang schwer ist eine Arbeit zu finden oder sich einzuleben - mit Kraft, Willen und Zielstrebigkeit kann man wirklich viel erreichen!


Wenn Sie auch über Ihre Erfahrungen berichten möchten und Interesse an einem Interview haben, zögern Sie nicht und melden Sie sich bei uns unter info.de@populis.com - Excite antwortet Ihnen dann so bald wie möglich!

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